a.d.S. Südwall, Marseille, 2017-2018
Zur Serie

Südwall, Marseille, 2017-2018

Entlang der Küste um Marseille, von der spanischen bis zur italienischen Grenze, entstand im Zweiten Weltkrieg der „Südwall“. Er diente der deutschen Wehrmacht, die das Gebiet seit 1943 besetzt hielt, als Verteidigungsposten zur Abwehr der Alliierten. Bis heute sind Reste der Bunker, Festungen und Schießanlagen in der Stadt Marseille, entlang der felsig-weißen Küste der Calanques und auf den umliegenden Inselgruppen wie den Îles du Frioul zu sehen. Im Gegensatz zu den Bunkeranlagen in der Bretagne und der Normandie, ist die Geschichte des Südwalls weniger bekannt.

Für meine Serie fotografiere ich diese Bunker, die aufgrund ihrer Materialität und durch die Farbe des Zements in die steinerne Küstenlandschaft integriert sind. Wären nicht die farbigen Linien, die Gesichter und Schriftzüge der Graffitis auf den Wänden zu sehen, könnte man sie als Camouflage (frz. Verschleierung) ihrer selbst bezeichnen. So wie die Soldaten Schutzkleidung im grüngrauen Camouflagemuster der Natur tragen, um nicht entdeckt zu werden.

Neben den Bildern der Bunker entstanden Aufnahmen von Pflanzen und der felsigen Küste der Calanques. Die Küste selbst ist in ihrer Beschaffenheit schon ein Wall, ein Verteidigungsposten, der das Meer vom Landesinneren abschottet. In diesem Sinne steht das Wort „Südwall“ nicht nur für die Festungen, Bunker und Schießanlagen, sondern auch für die Felsen der Mittelmeerküste.

An den Straßenrändern und Pfaden der einstigen Militärwege wachsen Agaven aus der trockenen Erde. Das Wort Agave stammt vom griechischen Wort agauos, was auch „erhaben“ bedeutet. Agaven bezeichnet man auch als Jahrhundertpflanze, da sie nur einmal blühen und bis zur Ausbildung eines Blütenstands mehrere Jahrzehnte vergehen können. Sie sind eigentlich Eindringlinge, da sie nur in Süd- und Mittelamerika vorkommen. Beim Fotografieren erinnerte mich die Pflanze an eine Waffe, einen Dolch oder Speer, da sie an den Blattspitzen Dornen zum Schutz trägt. Sie behauptet sich in der kargen Natur und trotzt mit ihren fleischigen Blättern Wind und Sonne.

Der „Südwall“ hat sich von einer Festungsanlage zu einer Landschaft gewandelt, in der die Spuren des Zweiten Weltkrieges in Ruinen und architektonischen Überbleibseln sichtbar sind. Die künstlich erbaute Wehranlage ist zur sich selbst überlassenen Natur geworden. Natur und Architektur kommen hier zusammen und scheinen aus einem Material gemacht. Nur einige wenige Bunker wurden später als Häuser ausgestattet und werden bewohnt.

Auf zwei Bildern sieht man ein Mahnmal in Form eines Gedenksteins, der an die Opfer des Krieges erinnert – drei jung gestorbene Kämpfer der Résistance. Hier begegnet man zum ersten Mal drei konkreten Personen, die nur durch ihre Namen im Stein präsent sind und an das Grauen des Krieges erinnern: Jean Odelin, 17 Jahre, Serge Loiseau, 19 Jahre und Jaques Baby, 23 Jahre. Der Südwall stand und steht für die konfliktreiche und komplexe Geschichte, die Deutschland und Frankreich bis hin zur Katastrophe der beiden Weltkriege erlebt und erlitten hat. Diese Verteidigungslinie ist ein Ort, der uns daran erinnert, dass das heutige Europa auf einen langen Weg von Kriegen zurück blickt und dass seine Position als friedliche und unterstützende Vereinigung verschiedener Länder keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein gerade heute wieder fragiles Konstrukt.